Relicts of Caperdonich

Speyside, im Dörfchen Rothes. Die Zeichen standen wohl nie gut: 1898 in Betrieb genommen, 1902 stillgelegt. Zumindest die Brennblasen, denn die übrigen Einrichtungen, wie Malzböden und Lagerhäuser, wurden weiterhin genutzt, und zwar von der benachbarten, ebenfalls von J&J Grant erbauten Schwesterbrennerei Glen Grant. In den 1960ern wurde Caperdonich wiedereröffnet, denn das Geschäft mit Whisky brummte wieder. Jedoch nicht für immer und so traf Pernod Ricard, als der heutige Whiskyboom wohl noch nicht absehbar war, in 2002 die Fehlentscheidung, Caperdonich zu schließen.

Caperdonich 18 Years Batch CP/001

Eine Flasche Caperdonich 18 Years Batch CP/001

American Oak Barrels bis 05.2019 / 48,0%Vol. / Link zur Whiskybase

In 2019 wurden wohl noch einige übrige Fässer entdeckt, denn der Markt wurde mit Originalabfüllungen geflutet: Die Altersstufen 18, 21 & 25 Jahre als rauchige Version, sowie 21, 25 & 30 Jahre als nichtrauchige Version. Jede Version wiederum wird in ‘Small Batches’ herausgegeben, wobei die Zählweise der Batchnummern suggeriert, dass eine dreistellige Anzahl an Batches auf uns zukommen könnte (vielleicht musste man aber einfach nur einige Nullen loswerden). Da meine 18-jährige peated-Flasche die Nummer 13.603 trägt, frage ich mich allerdings, ob der Name ‘Small Batch’ gerechtfertigt ist, und wie viele Vorräte tatsächlich noch in irgendwelchen Lagerhäusern schlummern.

Nose: Tatsächlich sehr aschig mit geräuchertem Speck und etwas Salz, ungefähr auf dem Niveau von Caol Ila. Was ich zu Beginn einfach als Zitrus identifiziert habe, wandelt sich mit der Zeit in gelbe Früchte in Honig und dann in grünen Apfel. Stärkehaltig ist er auch, mit würzigem Zedernholz und frischen Haselnüssen. (85)

Taste: Immer noch viel Asche und Holzkohle, aber die gelben Früchte sind prägnanter als vorhin, ebenso die Gewürze und die malzigen Stärkenoten. Das Salz gefällt mir, das herbe Leder weniger. (85)

Finish: Wie ein erlöschendes Lagerfeuer. Dazu salziger Speck und süßlich-harziges Öl. (84)

Fazit: Blind hätte ich hier ohne zu Zögern auf einen Caol Ila getippt; auf einen jungen, denn der Alkohol ist eher stürmisch und nicht so gut eingebunden. Auch die Aromenvielfalt orientiert sich eher an eine 10-jährige Reifung.

Caperdonich 21 Years Batch CP/001

Eine Flasche Caperdonich 21 Years Batch CP/001

American Oak Barrels bis 13.05.2019 / 48,0%Vol. / Link zur Whiskybase

Gleich den 21-jährigen Raucher hinterher:

Nose: Dicht und speckig liegt der Rauch obenauf, fast schon wie Salami mit Walnüssen. Wachsiger Blütenhonig bringt Gewicht und Süße, Zitrus und Apfelsaftschorle bringen Spritzigkeit. Darunter versteckt sich leicht würziges Eichenholz. (85)

Taste: Rauch und Asche, Salz und Stärke – eigentlich wie der 18er, nur die Frucht suche ich fast vergeblich. Lediglich eine leichte Süße ist da. Und eine vage Erinnerung an gelbes Obst. Die Haselnüsse und vor allem das würzige Zedernholz hinterlassen da mehr Eindruck. (85)

Finish: Wärmend, Speck ist in die heiße Lagerfeuerasche gefallen. Die Reste eines Barbecues. Leicht bitteres und rußiges Eichenholz liegt auch noch herum. Orangen und Wachs sorgen für Abwechslung. (85)

Fazit: Unterscheidet sich nur in Nuancen von seinem 3 Jahre jüngeren Bruder. Die Frucht ist etwas anders verteilt und weniger intensiv. Der Alkohol etwas besser eingebunden. Aber das war’s auch schon, wie 21 Jahre fühlt sich das nicht an.

Caperdonich 1979 SV Cask 3286

Eine Flasche Caperdonich 1979 SV Cask 3286

Oak Cask 30.11.1979 bis 04.03.2004 / 43,0%Vol. / Link zur Whiskybase

Caperdonich ist eigentlich nicht für seine rauchigen Whiskys bekannt, diese sind eher als Experiment der letzten Brennereijahre zu sehen. Hier haben wir eine ältere Abfüllung von Signatory Vintage, welche in 2004, nach 24-jähriger Reifung, mit Trinkstärke auf 384 Flaschen verteilt wurde.

Nose: Ui, da wartet eine schöne Bourbonfassreifung! Die honigartige Süße ist ein allgegenwärtiges Element, man findet sie in der Vanille, in den Marshmallows und in den Orangen. Das Holz der Weißeiche legt sich nussig und mit seiner typischen Würze wie eine sanfte Gaze über die Szenerie. Später ergänzen noch Schokolade und Bier mit einem Hauch OBF das Bild. (86)

Taste: Erst weich und süß mit Vanille und Honig, dann drückt die Eichenholzwürze mit ingwerartigen und leicht bitteren Akzenten herein und verbreitet eine Aura von Alter. Korianderblätter und helle Zitrusfrüchte machen auf sich aufmerksam. Cashews und Röstaromen sind ebenfalls zugegen. (85)

Finish: Würziges, sonnengebleichtes Eichenholz macht sich breit, hat schokoladige und grasige Aromen mitgebracht. Marshmallows und Orangen mit einigen Portionen Gerstenmalz. Hinterlässt einen trockenen Eindruck. (85)

Fazit: Den darf man ruhig eine halbe Minute im Mund lassen, das wird mit eindrucksvollen Gewürzen belohnt. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass er einen Ticken zu lange in einem, was die reduktive Reifung betrifft, zu inaktiven Fass gewesen ist. In Fassstärke hätte der vielleicht zu unausgewogen gewirkt.

Caperdonich 2000 SV Cask 29494

Eine Flasche Caperdonich 2000 SV Cask 29494

Bourbon Hogshead 06.07.2000 bis 28.08.2020 / 53,8%Vol. / Link zur Whiskybase

Zum Vergleich eine neuere Abfüllung von Signatory Vintage. 219 Flaschen wurden in Fassstärke für den deutschen Distributor Kirsch Import abgefüllt.

Nose: Und auch hier ist sofort die Bourbonfassreifung offensichtlich. Marillenknödel mit geriebenen Mandeln und Honig, als wäre das nicht süß genug, gibt’s noch ein Kinder Maxi King zum Nachtisch. An Früchten haben wir halbgetrocknete Apfelstückchen und Aprikosen, mit ein paar Tropfen Wasser wird’s tropisch. (87)

Taste: Startet mit Honig und gelben Früchten, dann übernehmen poliertes Eichenholz und Myriaden von Gewürzen. Nüsse und etwas Apfel können sich da noch durchkämpfen. (87)

Finish: Unmengen an Gewürzen und Nüssen, getragen von Eichenholzvariationen. Shortbread und Honig leiten über zu den gelben Früchten, die in der Ferne warten. (86)

Fazit: Ein offensiver Bourboneinfluss; nicht überbordend, sondern selbstbewusst. Wasser hilft dabei, den Alkohol etwas abzukühlen und den Malt zu öffnen, im Gegenzug gewinnt aber auch die Bitterkeit einige Nuancen hinzu.

Caperdonich 1992 UD

Eine Flasche Caperdonich für Postill Austria

Eichenfass 21yrs bis 2013 / 46,3%Vol. / Link zur Whiskybase

Zur Abwechslung eine Sherryfassreifung, zumindest lässt dies die dunkle Farbe des Flascheninhalts vermuten. Ein Release für den österreichischen Shop Potstill Austria. Das Gemälde „a misty day’s paradise“ des Künstlers Gerhard Flekatsch ziert das Etikett. Der Schraubverschluss wirkt erstmal nicht sehr vertrauenserweckend.

Nose: Neben Brot ist da auch Kuchen mit Marzipan und Karamell. Öliger Sherry; erst in Form von Rosinen, dann wird das Trockenobst komplexer und Haselnüsse kommen hinzu. Honig mischt sich den roten Früchten unter, untermalt von alten Gewürzen. (88)

Taste: Ölig und schwer, fast schon salzig und fleischig. Kräftiger und gut eingebundener Sherry trifft auf würziges, nussiges Eichenholz mit Karamell und einem Touch von erdiger Bitterkeit. (87)

Finish: Immer noch ein richtiges Brett aus Eichenholz. Die Gewürze und Nüssen tanzen im Mund, Sojasauce sorgt für Schwung. Die Fruchtigkeit des Sherry ist stets präsent. (86)

Fazit: Intensiv. Wird mit der Zeit nach dem Öffnen der Flasche runder. Tatsächlich bin ich mir nicht sicher, ob hier eine Vollreifung oder nur ein Sherryfassfinish vorliegt, denn immer wieder meine ich, am Horizont Hinweise auf Bourboneinfluss wahrzunehmen.

Caperdonich 1972 TWhm

Eine Flasche Caperdonich 1972 The Whiskyman

Eichenfass 40yrs bis 2012 / 49,0%Vol. / Link zur Whiskybase

Genau genommen ist das gar kein Caperdonich. Denn die Brennerei hieß erst ab 1977 so. Davor trug sie den fantasievollen Namen Glen Grant No. 2. Nach 40 Jahren im Fass ist das aber nicht mehr wichtig. Eine Kleinauflage von 65 Flaschen wurde vom belgischen unabhängigen Abfüller The Whiskyman für den belgischen Markt abgefüllt.

Nose: Eine Fruchtbombe in Honig und Wachs. Getrocknet, Zitrus, exotisch, grün, gelb, rot – alle Früchte, die das Herz begehrt und der Geist sich ausdenken kann. Heimlich, still und leise schleicht sich Eichenholz heran, aromatisch und würzig, mit Zartbitterschokolade im Gepäck. (92)

Taste: Viele Einflüsse arbeiten Hand in Hand, um diesen Dram facettenreich und ausgewogen zu gestalten: Süße, Frucht, Gewürze, Holz, Säure, Bitterkeit, Öl, Erde, Schokolade, Wachs. (92)

Finish: Nach 40 Jahren ist das Eichenholz schon sehr präsent, kein Wunder. Aber die Früchte und das Wachs sind es auch. Und so integriert sich die Eiche mit ihren Gewürzen und Nüssen eher in das Geschehen, als dass sie dominiert. Wird hinten raus etwas ledrig. (92)

Fazit: Man bekommt, was man erwartet: Einen Parade-Caper aka Fruchtcocktail. Bei längerer Reifezeit wären die Bitternoten vielleicht etwas over the top gewesen, so aber konnte das Fass seine Stärken richtig gut ausspielen.

Die Geschichte von Caperdonich endete 2002 keineswegs. Das Brennereigelände wurde an die ebenfalls in Rothes ansässige Kupferschmiede Forsyths, bekannt als Hersteller von Destillationsequipment, verkauft. 2011 wurde die Brennerei endgültig demontiert. Ein Set der Stills ging an die Brennerei Belgian Owl, das andere an die Lowland-Distillerie Falkirk, welche seit 2020 New Make produziert. Der Geist von Caperdonich ist also nicht ganz aus der Welt.

Eigene Flaschen & privat gekaufte Samples | Bilder eigenangefertigt bzw. mit freundlicher Genehmigung von Knopfler99 und der Whiskybase