Old & Rare – Flight 002

Nach dem Limburg dieses Jahr dem Virusgott geopfert wurde, haben Christian und ich ja begonnen unser „Messegeld“ in Raretastings zu investieren. Möglich ist das Ganze, da wir selbst durch Teilungen exklusive und seltene Bottlings aufmachen. Der Großteil aber ist unserem mittlerweile sehr großen Netzwerk an Whiskynerds zu verdanken. Diese tun uns gleich und jenen gebührt an dieser Stelle großer Dank. Macht bitte weiter die Flaschen auf und teilt sie!

Der zweite Flight bestand aus einem wilden Mix. Man könnte aber auch sagen: Aus fasst jeder Whiskyregion Schottlands ist etwas dabei. Angefangen von der Speyside, über die Lowlands, Highlands, Islands und Islay. Einzig Campbeltown fehlt im Reigen.

Ich glaube ich sage nicht zu viel, wenn ich behaupte dass diese Tasting mich schwer begeistert hat. Aber jetzt genug der Vorrede: Rein ins Vergnügen!

Glenfarclas 1961 The Family Casks

Für viele der Inbegriff der Speyside: Die Familiengeführte Destillerie Glenfarclas. Um da noch eines drauf zu setzen muss es dann schon ein Single Cask oder wie das bei Glenfarclas heißt, ein Family Cask sein. Traditionell mit Jahreszahl und in Fassstärke. Das konkrete hier ist 45 Jahre im Sherry Hogshead gewesen. 1961 wurde es bereits ins Fass gebracht. 159 Flaschen kamen dabei dann raus und wurde. 2007 mit 46% abgefüllt – klingt zwar nicht nach Fasstärke, ist es aber wohl. Link zur Whiskybase

Nase: Eine exzessive Sherrparty. Quasi Sherrygalore. Dazu Sojasauce und Kupferpfenninge. Auch eine fruchtige Seite: Orangen und Schwarzkirschen.

Mund: Sehr sehr alter Sherry. Fasst schon wachsig und sehr trocken. Irgendwas wird in asiatischer Marinade vorbereitet. Sojasauce, Ingwer, Koriander. Dann kommt wieder der Sherry: Tabak, Leder, Gewürze.

Abgang: Ein kurzer Hauch von … Rindfleisch vom Grill. Kein Witz. Dann relativ viel Holz begleitet ihn zur Tür hinaus, ein wenig Süße und Säure, dann wird er sehr sehr trocken. Das Holz ist jetzt weg. Die Säure kommt wieder. Orangen, Tabak, Leder. Der bleibt für immer.

Fazit: Ich glaube in „echter“ fassstärke würde mich der überfordern. Tannine und Bitterstoffe sind auf lange Sicht extrem. So ist er verrückt gut. 91/100

St. Magdalene 1982 Gordon & MacPhail

Der am längsten gereifte St. Magdalene bis jetzt! Abgefüllt wurde dieser edle Tropfen der Lost Destillery aus den Lowlands von Gordon & MacPhail im Rahmen ihrer private Collection. Die 36 Jahre alte Abfüllung ist 53% stark und zählt 161 Flaschen. Link zur Whiskybase

Nase: Ich stehe in einer Wiese. Das hohe Gras wiegt hin und her. Neben mir wachsen Sonnenblumen in den Himmel. Ich rieche an Sonnenblumenöl, das aus den Kernen gewonnen wurde. Dann zündet jemand eine Öllampe an. Paraffine und Rauch steigen auf. Ein paar Spritzer Zitrusöl wurden untergemischt. Jemand bringt mir ein Glas hellen Honig.

Mund: Mit dem Honig geht es weiter. Er wird auf Brot mit viel Butter verteilt. Brot mit dunkle Rinde, oder sogar Pumpernickel? Darüber kommt ein Abrieb einer Zitronenschale. Ich probiere außerdem Sonnenblumenöl.

Abgang: Alles verabschiedet sich mit einer Melange aus Süße und Bitterstoffe. Dazu eine dezente Eichenwürze. das Brot ist jetzt ein Baguette. Grobe Krume, da passt viel Butter und Honig rein.

Fazit: Ok hier können wir eigentlich aufhören. Was soll da noch kommen? Der ist so wunderbar definiert, so ausgewogen, dennoch so ausdrucksstark. Klares Lowlandprofil, spricht aber für sich selbst. Trinkig aber komplex. Fantastisch. 93/100. Vielleicht 94 mit Bottlebias, da es eine eigene Flasche ist 😉

Highland Park 1991 Signatory Vintage

2018 wurde der unabhängige Abfüller Signatory Vintage 30 Jahre alt. Zu diesem Jubiläum wurden diverse illustre Abfüllungen auf den Markt gebracht, wie nicht anders zu erwarten. Dabei waren Lost Destilleries wie Port Ellen oder auch recht lange gereifte Abfüllungen. Und ein 1991 Highland Park. Zugegeben, 27 Jahre ist nicht gerade jung. Aber was diesem HP so eine Ehre zuteil werden lässt, das macht schon neugierig. Die Fakten sagen Sherry Butt, 52% und 545 Flaschen. Link zur Whiskybase

Nase: Erstmal ordentlich Sherry. Dann hart durchgegerbtes Leder. Irgendwann dann metallische Noten. Kupfer, Eisen aber auch Blut. Erst etwas später kommt noch Rauch dazu.

Mund: Meine erste Assoziation: Blut. Erst Blutorange,dann richtiges. Wie nach einem Schlag gegen die Nase, wenn das Blut den Rachen hinab rinnt. Danach kommt Tabak und Leder, Gerbstoffe. Aber auch saure Früchte. Mit Wasser wird er deutlich süßer.

Abgang: Nach dem Schlucken gibt es getrocknete Kräuter. Vor allen Thymian. Er wird extrem trocken. Der Tabak bleibt und wird sehr bitter. Mit Wasser kommen dann noch Nüsse.

Fazit: Das Gegenteil von delikat. In your Face. Mag ich, mochte ich auch hier. Den HP hätte ich allerdings nicht erkannt. Blind hätte ich vielleicht einein Bunna Móine vermutet. Ist es ein würdiges Bottling für das Jubiläum? Ich sage: kann man machen, aber nicht für den Preis! 89/100

Glenglassaugh 1972

Ein 41 Jahre altes Bottling. Lange vor der Schließung destilliert. 582 Flaschen mit 50,6% wurden abgefüllt aus einem Sherry Butt. Die Base-Ratings überschlagen sich bei dieser Abfüllung! Link zur Whiskybase

Nase: Reife Pflaumen. Genau bis an den Punkt der Perfektion gereift. Die haben noch Biss, matschen aber beim Reinbeißen. Daraus macht dann jemand Trockenpflaumen im Dörrofen. Der ganze Raum riecht danach. Aber nicht so ein neumodisches Elektrodingsi. Das hier wird mit Glut betrieben, deshalb sind da auch noch leichte, rauchige und trockene Holznoten.

Mund: Er breitet sich sofort im ganzen Mund aus. Erst Zitrus, Vanille, Eiche und Salz. Danach eine schöne Kombination aus Kirsche, Brombeere und Leder. Dazu ein leichter Muff. Hat jemand die Kellertüre offen gelassen?

Abgang: Immer wieder leicht bittere Wellen, dann wieder Zitrus. Ein Schwung Süße. Im Abgang ist er bei weitem nicht mehr so Ausdrucksstark. Die Komplexität und das Alter sind aber extrem präsent. Wenn man im Zeit gibt ist er auch im Abgang sehr fruchtig.

Fazit: Das ist ein fantastischer Sherry-Whisky. Sehr lecker. Allerdings kann ich darunter kaum noch Destillat erkennen. Das Fass ist einfach zu ausdrucksstark. Deshalb „nur“ 91/100

Bruichladdlich 1970 – I was there! (but not that day)

250 Flaschen dieses 30-jährigen Laddie wurden abgefüllt. Anlass: Die Wiedereröffnung der Destillerie. Ein absolutes Privileg so eine zu haben, die Flaschen wurden nur vor Ort verkauft. Ein Bottling zum Eröffnungstag und dieses hier für „die Tage danach“. Ein noch größeres Privileg ist es ihm mal zu trinken, denn die meisten sind wahrscheinlich entweder leer oder werden nie geöffnet. Der Inhalt 0,5l Flasche War vorher in einem Bourbon Hogshead und der Inhalt hat 47,3%. Link zur Whiskybase

Nase: Das ist mal eine reife Nase: Holz, Leder, Wachs, Tabak, Schuhpolitur, Möbelpolitur. Geil! Dazu dann noch gewachste Zitrusfrüchte. Nach einiger Zeit Orange, Blutorange, Grapefruit frisch aufgeschnitten. Auch Zesten wurden gerissen. Sehr schön!

Mund: Meine erste Assoziation ist Himbeere. Dann kommt das Leder zurück und die Politur. Ein paar Kräuter mischen noch mit. Und die Blutorange, etwas Zimt bestreut.

Abgang: Auch im Abgang ist da wider Himbeere und Leder. Dazu Schokolade, Marzipan und ein paar Nüsse. Er wird sehr trocken. In der Länge dann noch Vanille.

Fazit: Trotz der Menge an Aromen wirkt er eher fragil. Aber natürlich ist er sehr lecker. Das ist eher ein Whisky zum sehr, sehr bewusst Genießen oder Analysieren. Sonst verpasst man was. Als kleine Randnotiz: Spannend das viele Sherryaromen zu finden sind. Dabei war gar kein solches Fass beteiligt. 89/100

Talisker 35-year-old

Aus der Diageo Special Release 2012 stammt dieser 35 Jahre alte Talisker. Einer der am besten bewerteten Talisker laut Base. Allerdings scheinen ihn noch nicht viele geöffnet und verkostet zu haben. Die 3090 Flaschen haben 54,6%. Link zur Whiskybase

Nase: Eine reichhaltige Honignote. Dieser wird dann verwendet um Stockfisch zu marinieren (macht man sowas?). Zitronen liegen bereit und Feuerholz. Jemand kocht Quitten ein. Leichter Rauch steigt auf. Es gibt kleine Muscheln als Vorspeise.

Mund: Ich probiere die Marinade. Pfeffer, Honig, Salz, Kräuter, sehr delikat abgestimmt. Dann esse ich weiter die Muscheln. Der Rauch kommt zurück. Bestimmt ist Glut langsam heiß.

Abgang: Der Abgang ist sofort recht trocken. Eine schöne Kombination aus süß und bitter. Der Honig findet sich auch wieder. Diesmal vor allem vom Heidekraut und Wildblumen. Zum Schluss schlägt noch das Alter durch: Präsentes altes Holz bahnt sich durch die Aromen und bleibt als letzter, langer Eindruck.

Fazit: Ich würde mehr davon trinken. Das ist sehr lecker und auch recht trinkig. Aber nur dafür ist er wohl zu teuer. 89/100

Das Ende ist nah!

Und zwar das obere Ende der Möglichkeiten bei solchen Tastings. Mir ist schon bewusst, da draußen sind noch einige Einhörner zu finden. Aber in dieser Konzentration und in einem einzelnen Tasting, das wird schwer.

Eine Zusammenfassung scheint mir unnötig, aber Dank ist noch dringend angesagt. An die lieben Menschen, die ihre Flaschen geöffnet haben. Natürlich sind das auch keine Samariter, wir haben ordentlich für die Samples bezahlt. Aber dennoch: Überhaupt die Möglichkeit zu haben ist fantastisch. Und auch an Christian ist erneuter Dank notwendig. Dafür, dass er den ganzen Spaß mit macht und voran treibt.

Sláinte!

Bilde: Eigene Anfertigung, Samples: Eigene Flasche und privat gekaufte Samples