Reisebericht Schottland 2026 – Teil 2: Oban
Tag 3
Nach zwei Tagen in Edinburgh ging es weiter in Richtung Westküste. Am Vormittag holten wir unseren Mietwagen ab. Bei hochsommerlichen Temperaturen gewöhnten wir uns erst einmal wieder an den Linksverkehr. Sobald wir die schottische Hauptstadt hinter uns gelassen hatten, fährt es sich aber ganz entspannt.
Auf dem Weg nach Oban standen gleich mehrere Burgen auf dem Programm. Den Anfang machte das gut erhaltene Blackness Castle aus dem 15. Jh., das auf einer Landzunge am Firth of Forth liegt. Von dort ging es weiter zum Doune Castle aus dem 14. Jh., das zwar schon etwas verfallen, aber teilweise begehbar ist und manchem aus der einen oder anderen Film- und Fernsehproduktionen bekannt sein dürfte. Der letzte Stopp des Tages war Kilchurn Castle, welches seinen Ursprung im 15. Jh. hat. Die Ruine liegt direkt am Loch Awe und war wegen Renovierungsarbeiten nur von außen zu besichtigen war. Dennoch hat die Kombination aus den alten Gemäuern in der dramatischen Landschaft einen sehr idyllischen Charme.
Am Abend erreichten wir schließlich Oban. Nach einem langen Tag meldete sich zunächst der Hunger, sodass wir uns ohne große Umwege eine Pizza im Piazza gönnten.
Den Rest des Abends verbrachten wir im Oban Inn. Neben guter Livemusik durfte natürlich auch ein Whisky nicht fehlen. Meine Wahl fiel auf einen Tamdhu 12 Jahre.

Tamdhu 12 Jahre
Sherry Oak / 43% Vol. / Link zur Whiskybase
Nose: Hat eine ordentliche Dosis Sherry abbekommen, kein Overkill, aber das Destillat bleibt erst einmal dahinter versteckt. Der Sherry ist fruchtig und wirkt immerhin nicht eintönig. Apfel, Zimt und Zitrustöne bilden die zweite Welle. Kaffee, Rosenblätter und Marzipan schließen sich an. (83)
Taste: Gut würzig und trotzdem etwas dünn. Daran ändert auch der dicke Sherry nichts. Es wird dattelig, doch auch tabakartig – das kann ich schon eher dem Tamdhuprofil zuordnen. Ein bisschen wachsig, das passt gut. (81)
Finish: Malz, Wachs und Datteln bestimmen die ersten Sekunden. Wird dann aber eher trocken und nussig. (82)
Fazit: Für einen Sherry-Standard okay, aber es gibt bessere zu einem ähnlichen Preis. Ich finde, er sticht nicht ausreichend genug aus der Masse heraus.
In der Nacht zog ein kräftiges Gewitter über Oban. Es brachte nicht nur Regen, sondern auch den Abschied vom ungewöhnlich heißen Sommerwetter. Für die nächsten Tage zeigte sich das Wetter wieder typisch schottisch.
Tag 4
Um die Mittagszeit herum hatten wir eine zweistündige Bootstour gebucht. Mit etwas Glück lassen sich dabei Delfine, Schweinswale oder verschiedene Seevögel beobachten. Bei unserer Tour hielt sich das Wildlife allerdings etwas zurück. Einige Seehunde ließen sich blicken, doch der einsetzende Regen hatte die anderen Robben ins Wasser vertrieben und das für diese Jahreszeit eher kalte Meerwasser erklärte das Fehlen größerer Meeressäuger. Daher standen die Landschaft und die Erzählungen unseres Guides im Mittelpunkt. Vom Wasser aus boten sich schöne Ausblicke auf mehrere Burgen der Region. Gylen Castle, Duart Castle und Dunollie Castle sind vom Boot aus gut zu erkennen und verleihen der Küstenlandschaft ihren ganz eigenen Charakter.
Der verregnete Nachmittag wurde in der Unterkunft mit einem Gläschen Sherry und atemberaubender Aussicht auf Isle und Sound of Kerrera verbracht.
Doch der Himmel hellte auf und da zog es uns in die Whisky Vaults Bar, die über eine ordentliche Whiskyauswahl verfügt. Entsprechend leicht fiel die Entscheidung, hier einen gedehnten Abend zu verbringen. Der erste Dram kam gleich von der nicht allzu fernen Insel Mull:
Tobermory 1995 TSCL – Cask 329
Oak Cask 29.03.1995 bis 19.08.2019 / 54,0% Vol. / Link zur Whiskybase
Nose: Cremige Vanille und helle Eiche – ich tippe auf Borboncask. Das bestätigen mir auch die schönen Obstnoten: Banane, Limette, Plattpfirsich, Grapefruit. Dazu polierte Mandeln mit Karamellbits, in diesem Zug wird es auch mineralisch. (88)
Taste: Bisschen scharf, aber weist die typischen Marker einer langen Bourbonreifung auf, ausgewogene Süße, Holz und Früchte. Recht malzig außerdem, und ziemlich würzig. Hat einen vegetativen Touch, leicht aschig und nussig mit Karamell. (87)
Finish: Hier gewinnen die Nüsse wieder das Oberwasser. Vanille und süße Elemente stehen Holz und Malz gegenüber. Und wieder das Vegetative, diesmal leicht speckig. (88)
Fazit: Gute Fassqualität trifft auf lange Lagerzeit, es entsteht Obstiges und das spezielle Tobermory-Profil hat Platz – das gefällt mir doch! Dram stammt aus Flasche 173 von 247.
Es gab noch einige andere Abfüllungen von The Single Cask Ltd. und da die erste so gut war, hab ich mir noch eine davon ausgesucht:
Royal Brackla 2006 TSCL – Cask 300472
Hogshead 18.01.2006 bis 24.05.2024 / 55,8% Vol. / Link zur Whiskybase
Nose: Wirkt wie ein Refill-Sherryfass, zwar ein bisschen Karamell und Honig, aber auch dezente Trockenfrüchte. Geht so in Richtung Rosine, Zwetschgen, Aprikose, in jedem Fall komplex. Interessante Würze, irgendwie salzig. Apfelkuchen mit Zimt sowie Zitronengelee sind natürlich immer top. (88)
Taste: Etwas scharf, der könnte Wasser vertragen. Ohne ist er halt intensiv. Viel Eichenholz und Gewürze wie Zimt, Nelke, Sandelholz oder Asche. Ölige, fast speckige Textur. Die Zitrustöne kommen durch, die Trockenfrüchte nur in Nuancen. Erneut somewhat salzig oder besser gesagt mineralisch. (87)
Finish: Malzig und wachsig, dazu ölige und fleischige Anklänge, was ihm eine gute Länge, Volumen und Stabilität verleiht. Ganz leicht trocken, auch die Haselnüsse sind eine runde Geschichte. (88)
Fazit: Hatte Royal Brackla bislang gar nicht so auf dem Schirm, aber anscheinend können Einzelfässer von dort richtige Geheimtipps sein. Hilft mir in jedem Fall dabei, ein Gefühl für das Potenzial und den Stil dieser Brennerei zu bekommen.
Nach dem zweiten Volltreffer nacheinander bin ich ein bisschen zu mutig geworden und hab mir noch einen Nachschlag von einer Destillerie geholt, die mir eigentlich nicht so liegt. Aber auch solchen Tropfen kann man ab und an eine weitere Chance geben:
Kilchoman 2012 Founders Cask – 5th Edition – Casks 464 & 351
19.07.2012 bis 06.11.2023, Calvados Double Cask Finish / 54,8% Vol. / Link zur Whiskybase
Nose: Da hab ich jetzt eine zeitlang nur Salzbrezen. Langsam schälen sich Asche und Honig heraus. Dann bekommt der Malt ein kleines Frucht-Upgrade, so Apfel-Zitrus-mäßig. Bisschen Kilchoman-Diesel ist auch im Mix. Der Ruß hebt das insgesamt nichtssagende Niveau. (81)
Taste: Kalte Asche als bestimmendes Element. Iodierte Bandagen hinterher, anstrengend, könnte auch ein Laffi sein. Wirkt jünger als das Etikett deklariert, irgendwie unfertig und sprittig. (79)
Finish: Viel Asche. Der unfertige Eindruck bestätigt sich. (80)
Fazit: Griff ins Klo. Mit 11 Jahren noch so unreif, das hatte ich jetzt schon öfter bei Kilchoman. Zugegeben, der Calvados hat die ganze Sache wohl auch nicht besser gemacht, der Apfelbrand beißt sich einfach mit dem Malzbrand.
Tag 5
Für den fünften Reisetag hatten wir uns einige Ziele südlich von Oban vorgenommen.
Der erste Stopp war Dunadd Fort. Die heute eher unscheinbare Anhöhe war einst das Zentrum des Königreichs Dál Riata, das weite Teile der schottischen Westküste beherrschte. Von der ehemaligen Festung sind heute noch Mauerreste sowie ein Brunnen erhalten.
Anschließend ging es weiter ins Kilmartin Glen. Dort liegen die Menhire von Nether Largie und die Ballymeanoch Standing Stones nur rund einen Kilometer voneinander entfernt. Die Anlagen entstanden vor 4.000 bis 5.000 Jahren. Beide Steinanordnungen hatten wir für uns, lediglich eine Herde Schafe bewachte die archäologisch wertvollen Felsen von Nether Largie.
Zum Abschluss unseres Ausflugs besuchten wir Carnasserie Castle (spätestens jetzt sollte klar sein, dass ich einen Faible für alte Steinhaufen hab). Die Ruine aus dem 16. Jahrhundert kann kostenlos besichtigt werden und lässt sich auf eigene Faust erkunden. Das macht für mich einen Teil ihres Reizes aus, denn anders als bei vielen anderen historischen Bauwerken gibt es hier kaum Absperrungen. So kann man sich frei durch die verbliebenen Räume und Mauern bewegen und die Anlage in seinem eigenen Tempo entdecken.
Nach so viel Geschichte stand am Abend etwas Kulinarik auf dem Programm. Schließlich waren wir an der Westküste Schottlands und so landeten verschiedene Seafood-Spezialitäten auf unseren Tellern. Später kehrten wir noch im The Lorne ein. Dort durfte zum Tagesabschluss ein Tobermory 12 Jahre ins Glas wandern.
Tobermory 12 Jahre
1st Fill Bourbon & Virgin Oak / 46,3% Vol. / Link zur Whiskybase
Nose: Apfel und Zitrone sind in Vanille und Butter eingebettet. Nach und nach wächst eine Eiche aus dem Glas. Frisch gebackenes Shortbread. (82)
Taste: Pfeffrig und würzig, da ist gut Eiche mit Tanninen drin. Auch die Vanillecreme ist intensiv. Dennoch bleibt Raum für ein paar Zitrusfrüchte. (81)
Finish: Durch das Holz ein bisschen trocken, aber das wird von Honig und reichlich Vanille weitestgehend kaschiert. (81)
Fazit: Wirklich Tiefe hat der nicht, aber einen kleinen Wumms. Ein guter Dram, um sich an das Profil von Tobermory heranzutasten. Für einen 12-jährigen Malt aber underwhelming.
Am nächsten Tag startete die Weiterreise gen Norden.
Mehr zu: Kilchoman, Royal Brackla, Tamdhu, Tobermory
Drams: selbst erstanden | Bilder eigenangefertigt bzw. mit freundlicher Genehmigung der Whiskybase (Tamdhu 12, Tobermory 12, Tobermory 1995, Kilchoman Founders Cask)











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