10 Jahre keinehalbendrinks.de – Ein Tasting

Zwei Monate ist es her, dass wir das Jubiläum als Festakt begangen haben. Nun habe ich Freunde, Familie und Nachbarn, Whiskyenthusiasten und Whiskyneugierige zum Tasting eingeladen. Ich habe Bilder und Anekdoten meiner Whiskyreise, die eine Dekade dieses Blogs geformt hat, geteilt. Ein sehr persönlicher Abend und damit aus meiner Sicht nicht umfänglich etwas fürs Blog. Aber ich hab den Abend mit dem Satz eröffnet: „…das ist quasi ein Diaabend. Für euch aber leicht zu ertragen, denn ihr habt tollen Whisky vor euch stehen. ;-).“ Und jene Drams kann ich in Form von Reviews sehr gut hier teilen.

Blended Scotch Whisky 1977 – Phil & Simon Thompson

Eine Flasche Blended Scotch Whisky 1977 von Phil & Simon Thompson

Wir starten mit einem echten Highlight. Nicht nur weil ein fast 50 jähriger Blend aus Clynelish, Teaninich, Dailuaine and Invergordon etwas wirklich Besonderes ist. Sondern auch, weil er den mutigen Ansatz der Thompsons repräsentiert. Was einer der Gründe ist, warum ich mich immer wieder zu den Bottlings der beiden zurückkehren lässt. Noch viel wichtiger ist aber, dass die ganze Unternehmung aus vielen wirklich tollen Menschen besteht. Sie alle kennenzulernen und jetzt als Teil meiner Whiskyfamilie zu betrachten, das ist etwas Besonderes. Stellvertretend deshalb hier liebe Grüße an Simon, Phil, Vhairi, Anna und Jack! Link zur Whiskybase

Nase: Tiefe Wachs- und Holznoten. Auftragen, polieren. Auftragen, polieren. Dazu Physalis mit Puderzucker, Vanillecreme, leichte Tabaknoten und Kokosnuss. Mit der Zeit kommen noch mehr Früchte raus, Ananas und Papaya.

Mund: Für knapp über 40% packt er noch gut an. Leichte Pfefferschärfe. Dann kommt fetter Tabak, Rosinen, Leder und Vanille. Die bringt Kokos, Milchkaffee und Haselnuss mit. Die Süße geht in Richtung Karamell.

Abgang: Kurz ist er leicht holzig. Kokos und Vanille geben dann den Rahmen. Deutliche Süße bringt das Karamell zurück, Schokolade und Haselnuss dazu. Aber das ist kein Schokoriegel, das ist feiner. Ein paar Trockenfrüchte dazwischen, das hat eher was von einer Praline. Am Ende wird es trocken. Er ist aber keinesfalls fragil und zum Glück hält er sich so noch recht lange.

Fazit: Großartiger Opener. Extrem gut gealtert und schlau geblendet. Auch die Tastingteilnehmer hatten ihre Freude daran und am Ende gab es auch einen absoluten Fan des Bottlings. Ich kann es verstehen. 90/100

Glenrothes 1996 – Phil & Simon Thompson

Eine Flasche Glenrothes 1996 von Phil & Simon Thompson

Die einzige Flasche dieses Abends, die schon vorher geöffnet war. Sie stammt aus dem Bestand unseres Whiskyclubs und hat es nur knapp nicht in dessen Sperrbestand geschafft (wofür es aktuell ein durchschnittliches Votum von 89,4 Punkte brauchen würde!). Ich habe sie ins Tasting genommen, weil ich natürlich etwas über den Club erzählen wollte, aber auch, weil sie an sich besonders ist. Zum einen ein Bottling für das 25te Jubiläum des Dornoch Castle, zum anderen ein gut gereifter Glenrothes – ohne Finish! Das kriegt man nicht jeden Tag ins Glas. 45,1% hatten die 184 Flaschen beim Abfüllen. Link zur Whiskybase

Nase: Banane, Erdnüsse, Honig und Keksteig. Das ist schon mal keine schlechte Kombination. Schöne Tiefe, ein paar buttrige Noten und Kräuter. Vanille und old-style Eichenwürze.

Mund: Wunderbare Süße, die nur durch eine leichte Mineralität und etwas Zitrusschärfe durchbrochen wird. Dazu kommt ein leckerer Vanillepudding mit Mandeln. Dann kommt die Eiche zurück mit Bitterstoffen, dazu noch Orangenschalen. Die Textur ist wachsig bis ölig und schmiegt sich schön um den Mundraum.

Abgang: Süß und würzig, wärmend und kühlend. Zitrusschalen, angerbanntes Karamell, dunkel gebackene Eiswaffeln. Der Apfel, den man am Vortag aufgeschnitten hat. Bitterstoffe sind gut in Balance. Ein salziges Mundgefühl bleibt am Ende.

Fazit: Auch der kam gut an. Ich persönlich bleibe bei meinen 89 Punkten. Das ist ein toller Whisky. Und ich finde es spannend, dass er beim zweiten bzw. dritten Mal, mit viel Luft in der Flasche, noch mal anders ist. Mein erstes Review davon findet sich hier: Link.

Drumblade 2011 – Duncan Taylor for Whisky Baron

Eine Flasche Drumblade 2011 von Duncan Taylor zum 15ten Jubiläum des Whisky Baron

Wo wir schon bei Jubiläen sind: Auch der liebe Michael aka „Whisky Baron“, aus Nürnberg Johannis, hatte vor kurzem ein solches zu feiern. Ihn kann ich mir aus meiner Whiskywelt einfach nicht mehr wegdenken. Fachsimpeln, genießen und Spaß haben. Ich kann nur empfehlen, ihn mal in seinem kleinen Laden zu besuchen! Zum 15-jährigen hat er sich einen Ailsa Bay, ohne Namensrechte, aus einem Octave abfüllen lassen. Das PX-Finish hatte nach 15 Jahren 54,5%. Dank Octave gab es nur 76 Flaschen, von denen mittlerweile die meisten ausverkauft sein dürften. Link zur Whiskybase

Nase: Intensive Trockenfrüchte, etwas Sojasauce, etwas Kräuter. Dazu intensive Süße und bereits einige Bitterstoffe. Kirschen, Tabak, Marzipan, Milchschokolade. Das ist quasi wie wenn ein Oloroso-Fass und ein PX-Fass ein Kind hätten.

Mund: Softpflaume, getrockente Kirschen, Rosinen. Dazu etwas Honig und Zuckersirup. Dagegen steht wieder die würzige Seite mit Leder, Sojasauce und altem Balsamico.

Abgang: Würze und Süße geben sich solange die Klinke in die Hand, bis es dann ziemlich trocken wird. Dann bleibt nur noch eine leichte Mineralität, etwas Metall und Tabak.

Fazit: Absolut stabiles Bottling, mit sehr hoher Intensität. Ich war mir sofort unsicher, ob ich die Reihenfolge im Tasting richtig gewählt habe. Aber dazu gleich mehr. Wir waren in der Runde wirklich beeindruckt und viele haben die Hand gehoben, dass sie diesen Whisky an diesem Abend besonders gut fanden. Schönes Ding, Michael. Glückwunsch! 88/100

Kanosuke 2018 for Kirsch Whisky „The Awakening Series“

Eine Flasche Kanosuke 2018 The Awakening Series

Irgendwie auch ein Jubiläums-Bottling, denn der Japaner wurde anlässlich der ersten Whisky Live Hamburg abgefüllt. Ich hab ihn aber vor allem wegen der Destillerie reingenommen und wegen dem großartigen Ishihara Tatsuya, den ich als Vertreter der Destillerie in Limburg kennenlernen durfte. Er steht stellvertretend für die vielen tollen Menschen aus „der Industrie“, die ich über die Jahre zu meinen Freunden und Bekannten zählen darf. In den Flaschen 108 ist eine Sherryreifung mit 57%. Link zur Whiskybase

Nase: Vanille und jede Menge Marzipan. Dazu subtile Holznoten, Feigen und Pflaumenmus. Dazu Zitronenabrieb, Malzsirup und eine Meeresbrise.

Mund: Packende Säure, geht über in süß-saure Früchte, geht über ein exotische Gewürze. Dann wird es immer süßer, Bitterstoffe mischen sich darunter und die Textur wird immer dicker und fast schon kaubar.

Abgang: Schlehe, Leder, Holz. Dazu wieder die Säure, aber deutlich dezenter. Ristretto mit Zitronenabrieb, verbrannter Pflaumenkuchen vom Blech und ein Touch Metall. Hintenraus bleiben prägnante Bitterstoffe und die sirupartige Süße.

Fazit: Ich hab die Reihenfolge ja nach Bauchgefühl und Erfahrung gemacht, nachdem ich bisher nur zwei der sechs Bottlings selbst im Glas hatte. Nach dem Ailsa Bay war ich mir nicht mehr sicher, ob der Kanosuke nicht vorher hätte platziert werden müssen. Aber was soll ich sagen: der hält so locker dagegen, das war schon genau richtig. Blind hätte ich in niemals so jung geschätzt und das Fass war eine brilliante Wahl. 91/100 Wenn ich mich recht erinnere, dann gingen hier die meisten Hände hoch für „Lieblingswhisky des Abends“. So ging es mir auch.

Port Charlotte BC:09 2010

Eine Flasche Port Charlotte BC:09 2010

Natürlich darf Port Charlotte nicht im Tasting fehlen. Diese Flasche natürlich für Christian, dem großen PC-Fan, der hier im Blog ja auch regelmässig auftaucht und demnächst sein erstes eigenes Port Charlotte Bottling haben wird (Link). Die Flasche habe ich sogar selbst abgefüllt vor Ort, es ist also ein Valinch. Aus einem Bourbon Cask wurden im August 2025 mit 56,1% in 322 0,5l Flaschen abgefüllt. Link zur Whiskybase

Nase: Erst würzig, dann vanillig. Dann geht es über in die bekannten Farmyard-Noten. Diesmal untermalt von Kochschinken und Schinken der noch recht frisch im Rauch hängt. Minerlische Noten, Seetang und Getreide geben eine gute Tiefe.

Mund: Kräftig würzig, mit Pfeffer und Pfeifentabak. Dann kommt Vanillezucker und helle Früchte dazu. Nach ein paar Runden im Mund einigen wir uns auf Zitrone. Dazu Asche und die Pfeiffe wird zur Zigarre. Die Kühe sind aber auch wieder da.

Abgang: Schöne, satte Bourboncask Noten. Deutlich wärmend. Milchkaffee mit Kondensmilch, Käsekuchen, gedeckter Apfelkuchen und Kuhstall. Irgendwo zwischen metallisch und mineralisch.

Fazit: Das einzige Bottling, dass an diesem Abend keinen Fan gefunden hat. Spricht aber eher für die hohe Gesamtqualität. Es ist und bleibt für mich ein mehr als stabiles PC Bourbon Cask und ich hatte auch beim zweiten und dritten Mal viel Freude daran. 88/100 Mein erstes Review findet sich hier: Link.

Laphroaig 14-year-old Willem Dafoe

Eine Flasche Laphroaig 14-year-old Willem Dafoe

Am Schluß kehren wir dorthin zurück, wo für mich alles angefangen hat. Vor über 20 Jahren hat der Laphroaig 10 mich vollkommen überrascht, wie ein Getränk, ein Whisky, schmecken kann. Damit hat Laphroaig einen Platz in diesem Tasting. Normalerweise würde ich allerdings vor „Promi-Abfüllungen“ zurückschrecken. Egal ob ich den Promi mag – was ich im Fall von Willem Defoe als Schauspieler schon mache. Normalerweise sind diese Abfüllungen aber auch weder fassstark, noch haben sie eine Altersangabe. Das ist hier anders: 14 Jahre, 53,7% mit einem Oloroso Sherry Cask Finish. Link zur Whiskybase

Nase: Ich sag ja selten was zur Farbe, aber dieses dreckige Rostrot hat schon was. Der Geruch wird sehr schnell sehr intensiv. Rauchpaprika auf gesurtem (gepökeltem) Schweinefleisch. Dazu eine intensive, sirupartige Fruchtsüße, Tabak und Bleistiftspäne. Mit der Zeit kommt noch ein schönes Toffee dazu. Die Torfnoten sind ehr rauchig und nicht ganz so medizinisch, wie man es von Laphis vielleicht gewohnt ist.

Mund: Blutorangensaft auf heißen Kohlen. Salz, Szechuan Pfeffer und rosa Pfeffer lassen den Rauch eher in die maritime Richtung wechseln. Das Mundgefühl ist nach ein paar Runden fast schon bei Olivenöl. Minze, Karamell, glasierter Schinken und Nüsse lassen das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Abgang: War ich bei Nase und Geschmack noch angenehm überrascht, ist der Abgang dann leider doch unterkomplex. Alles eine Dimension kleiner und zurückhaltender und insgesamt auch nicht besonders lang. Was mir noch auffällt ist ein metallischer Anklang und das der Torf jetzt langsam leicht medizinisch wirkt.

Fazit: Grundsätzlich mehr als well done. Das sahen auch ein paar Torffans am Abend des Tastings so. Schade, dass der Abgang nicht auch noch mehr punkten kann, dann wäre ich vollends begeistert. So zahle ich den Namen mit und bin nur fast begeistert. 87/100

Ein voller Erfolg!

Die Menschen, das Tasting, die Abfüllungen, der ganze Abend. Alles. Genauso wie der Weg dorthin. Ich freue mich sehr so viele Whiskyfreunde zu haben und darauf weitere kennenzulernen. Auf die nächsten 10 Jahre keinehalbendrinks.de! Sláinte mhaht!

Mehr zu: Ailsa Bay, Blended Whisky, Glenrothes, Kanosuke (Japan), Laphroaig, Port Charlotte, 10 Jahre keinehalbendrinks.de – Ein Fest
Bilder: Eigene Anfertigung
Samples: Eigene Flaschen