Relicts of Glen Albyn

Glen Albyn wurde 1846 in Inverness durch James Sutherland gegründet. Die Brennerei befand sich direkt am Caledonian Canal und setzte diesen zunächst auch als Transportweg ein. Nach einem Brand im Jahr 1849 wurde der Betrieb für mehrere Jahrzehnte eingestellt. Erst 1884 erfolgte der Wiederaufbau unter neuen Eigentümern. Später ging sie in den Besitz von Mackinlay & Birnie über, welche 1954 Saladin-Boxen installierten, womit Glen Albyn als eine der ersten Brennereien das traditionelle Bodenmalzverfahren aufgab. 1972 übernahm die Distillers Company Limited (DCL) die Brennerei. Glen Albyn war nie ein Aushängeschild für Single Malts, sondern produzierte vorrangig für Blends. Ein paar Abfüllungen haben aber doch zu mir ins Glas gefunden:

Distilled in 1972 by Glen Albyn, bottled in 1994 by Gordon & MacPhail

Glen Albyn 1972 GM – Old Map Label

Eichenfass bis 1994 / 40%Vol. / Link zur Whiskybase

Von 1987 bis 1996 wurde Gordon & MacPhail’s Connoisseurs Choice-Serie mit optisch ähnlichen Etiketten versehen, die heute als Old Map Label bekannt sind.

Nose: Startet mit lieblichem Apfel, braunem Kandis und Hinweisen auf verstaubten Rauch, doch Haselnüsse, Aprikose und eine Vielzahl an Honigen deuten darauf hin, dass in diesem Batch ein Sherryfass beteiligt ist. Klebriger Karamell, Zimt und Eichennoten runden die zwar ansprechende, jedoch unter Sauerstoffeinfluss schnell abflachende, Nase ab. (84)

Taste: Trotz Wabenhonig und würziger Eiche liegt der Malt recht dünn auf der Zunge. Gerstenmalz, staubige Asche und samtige Gewürze scheinen ineinander zu verschmelzen. Der Honig transportiert Nüsse und halb getrocknete Apfelstücke. Halbbitterschokolade trifft auf trockenes Holz. (83)

Finish: Von eher kürzerer Natur. Eichenholz und Nüsse, sowie milder Pfeffer und andere Gewürze geben eine Prise Rauch und Kreide preis. Enthält außerdem grasige, malzige und metallische Aspekte. (83)

Fazit: Ein Vertreter der alten Schule, allerdings kein sonderlich gelungener. Dem müden Destillat mangelt es an Konstanz, war vielleicht ein Montagsbrand. Jedenfalls ergibt sich ein unruhiges Auf und Ab, möglicherweise der langen Flaschenlagerung in Verbindung mit dem niedrigen Alkoholgehalt geschuldet. Außerdem sehr instabil, er verträgt Luft nur schlecht. Als Einstiegs-Albyn für ein erstes Kennenlernen der Brennerei aber durchaus legitim, untypisch ist er nicht…

Brownies sollte man immer probieren, wenn man die Möglichkeit dazu hat.

Glen Albyn 1963 GM – Brown Label

19 Jahre im Eichenfass / 40%Vol. / Link zur Whiskybase

Vorläufer der Old Map Label waren die Brown Label. Als diese Flasche abgefüllt wurde, war Glen Albyn noch aktiv.

Nose: Rangiert im Bereich „fruchtiges Bienenwachs“ bis „Bratapfel in Gerstenmalz“, sehr ansprechend und wohltuend also. Und das bleibt auch so, denn die dezente Eiche weiß mit ihren Gewürzen genau so zu überzeugen, wie die Mandel-Aprikosen-Masse aus der Patisserie. Gelegentlich Andeutungen von Asche. (87)

Taste: Die Konsistenz von flüssigem Honig und die Würze von trockenem Gerstenmalz. Das Eichenholz wirkt stabil und kann mit unterhaltsamen Facetten von Mandeln, Gewürzen und Bitterstoffen aufwarten. Mit Tabak und Melasse geht es wieder zurück in ölige Gefilde. (86)

Finish: Ausgesprochen nussig, dafür zeichnet sich das würzige Eichenholz verantwortlich. Der Trockenheit und Malzigkeit zum Trotz finden sich auch einige cremige Akzente und in deren Schatten schokoladige Bitterstoffe. (85)

Fazit: Etwas ausdrucksstärker als der 18-jährige Albyn aus der Brown Label-Serie (hier zu finden), allerdings mit dem gleichen Wermutstropfen der geringen Alkoholstärke. Dafür aber auch sehr easy und angenehm zu trinken. Mir gefällt auch die filigrane, metallische Note ganz gut, die immer im Hintergrund mitschwingt.

Messemitbringsel von der 2024er Village in Nürnberg - hat vor Ort geschmeckt und auf dem heimischen Sofa ebenfalls

Glen Albyn 1978 FtF

Bourbon Cask / 50,5%Vol. / Link zur Whiskybase

Die Face to face Spirit Company ist ein kleiner Abfüller aus Berlin. Wie lange dieser Glen Albyn im Fass reifen durfte, ist unbekannt.

Nose: Filigran und leicht, blumiger Honig mit etwas Wachs, dazu Shortbread und Vanille – das Bourbonfass merkt man ihm an. Die Eiche erweist sich als angenehm würzig und gut integriert. Intensive Banane surft auf der Eiche. Ananas, Marzipan, Zimt, Maschinenöl… der entwickelt sich schöööön. (88)

Taste: Auch an dieser Stelle eine sehr klassischen Bourbonreifung: Vanille, Honig, gelbe Früchte en masse. Doch dann ist da auch dieser mineralisch-ölig-rostige Peat von der Tankstelle, der sich wunderbar mit den alten, gemahlenen Gewürzen und dem Eichenholz verbindet. Eine Menge Nüsse und Mandeln treffen ein, ebenso sanfte Tannine und Aprikosen aus dem Smoker. (90)

Finish: Das Fassholz hat eine gute Substanz, man kann förmlich auf den Dauben, Nüssen und Gewürzen herumkauen. Trotzdem quasi keine Bitterstoffe. Dafür einen ausgeprägten metallischen Touch, wie ein ölverschmierter, verrosteter Auspuff einer alten Harley. Die gelben Früchte und der Honig melden sich leise, aber nachhaltig an. (91)

Fazit: Großartig! So friedlich er in der Nase auch ist, so sehr legt er dann auf der Zunge los. Ein komplexes Erlebnis mit endlos Eindrücken aus den unterschiedlichen Ecken des Aromenrads. Die typischen Albyn-Marker sind auch vorhanden.

Bereits in 2009 füllte Signatory Vintage besondere Tropfen in Blumenvasen - hier ein 81er Albyn in Fassstärke.

Glen Albyn 1981 SV – Cask 51

Hogshead 16.01.1981 bis 27.10.2009 / 53,1%Vol. / Link zur Whiskybase

Für die Etikettengestaltung haben sie bei Signatory Vintage den Praktikanten rangelassen, denn da steht ‚Speyside Single Malt‘ drauf. Der Rest stimmt hoffentlich. Das Sample stammt aus der Flasche Nr. 113 von insgesamt 173.

Nose: Honig, gelbe Zitrustöne, Apfelkuchen, Mango, Pfirsich und Karamell offenbaren eine astreine Bourbonreifung. Die 28 Jahre in Eichenholz verleihen dem Malt feinste Gewürze, allen voran gemahlener und perfekt dosierter Zimt. Aus dem Hintergrund steigen Anklänge von rußigem Peat hoch. Ananassaft mit braunem Zucker und Erdbeerpüree. (91)

Taste: Erneut das edle Eichenholz (oder doch Sandelholz?) mit seinen staubigen Gewürzen. Unterstützt wird es von einer Vielzahl gelber Früchte mit phantastischem Säureanteil und Bienenwachs. Süßes Gerstenmalz und einiges an Nüssen leiten über zu Schokoladenpralinen. Der Peat ist ein wenig greasy angehaucht. (90)

Finish: Pfeffriges Eichenholz, würziges Zedernholz und fettiger Peat gestalten den Abschluss. Es wird zwar mineralisch, aber keineswegs trocken. Dafür sorgt gut eingebetteter Wabenhonig mit all seiner aromatischen Süße und balsamischen Wachsen. (90)

Fazit: Ein wundervoll gereifter Single Malt, allein die gelbe Fruchtparade hat wirklich viel zu bieten. Aber in Kombination mit der samtigen Eiche und dem dreckigen Invernesstouch von anno dazumal wird ein richtiger Burner daraus.

Aus Andrew Symingtons privatem Fassbestand: Ein 69er Glen Albyn abgefüllt für Donato & C. s.r.l. in Genua

Glen Albyn 1969 DE – Casks 481 + 482

zwei Eichenfässer 14.02.1969 bis 10.1989 / 55%Vol. / Link zur Whiskybase

Dun Eideann ist der gälische Name von Edinburgh und gleichzeitig ein privates Label, unter dem Andrew Symington (von SV) Whiskies abfüllt. Für diese Abfüllung wurde zwei Fässer miteinander vermählt, Zielmarkt war Italien.

Nose: Eine elegante Refill Bourbonfassreifung entfaltet klassische Aromen: Vanille, Honig, Süßgebäck und samtige Gewürze. Zarte Gartenfrüchte, leicht zitrisch und hauptsächlich hellgelb, entwickeln sich. Speziell Honigmelone tut sich hervor, unterstützt von Bienenwachs. (87)

Taste: Jetzt greift die trockene Eiche in das Geschehen ein, treibt die staubigen Gewürze und etwas erkaltete Asche vor sich her. Der fettige Albyn-Touch ist auch vorhanden, zähes Maschinenöl harmoniert wunderbar mit rostigem Metall und Zitrone. Der Honig und die helle Frucht kommen auch zum Zug. (88)

Finish: Vegetativ, fettig und würzig. Kalte Asche, Holz und süßer Honig überlagern sich gegenseitig. Dann Spuren von Metall, die Zitrone erscheint wieder auf der Bildfläche. Hintenraus ein paar Mandeln und Ingwer. (89)

Fazit: Einer von diesen Malts, die auf den ersten Blick simpel erscheinen, es aber überhaupt nicht sind. Einfach, weil die Elemente des dargebotenen Aromengemenges einerseits unaufgeregt dahertraben, andererseits wahnsinnig genial aufeinander abgestimmt sind. Nur der Style an sich trifft halt nicht jeden Geschmack.

Glen Albyn in Reinform: eine Raw Cask-Abfüllung von Blackadder, Auflage: 258 Flaschen

Glen Albyn 1974 BA – Cask 1601

Hogshead 19.04.1974 bis 06.2004 / 58,1%Vol. / Link zur Whiskybase

Zeit für einen möglichst ursprünglichen Glen Albyn, unverdünnt und ungefiltert, Zeit für ein Raw Cask von Blackadder.

Nose: Eine verrostete Fahrradkette wird eingefettet. Süßgebäck hat sich zu einem kollektiven Ausbruch entschieden: Zimtschnecke, Vanillekipferl, gezuckerte Marillenknödel und Kaiserschmarrn mit Rosinen, sogar eine Scheibe Kletzenbrot treiben ihr Unwesen, sehr zu meiner Freude. Immer wieder schimmern Wachs, Banane und auch mildwürzige Eiche durch. (88)

Taste: Das Gerstenmalz hat ein paar Messerspitzen Asche im Gepäck. Die Textur des Malts ist überaus ölig, beinahe fettig, ein Gegenpol zu den samtigen Gewürzen, welche das trockene Eichenholz beisteuert. Wachs und Zitrone gehen Hand in Hand. (87)

Finish: Hui, der wärmt von innen. Da ist auch ein bisschen Feuerwerk hineingeraten. Ansonsten bietet das fettige Profil noch einiges an Eichenholz, Gräsern und Wachsen. (87)

Fazit: Unspektakulär und unaufdringlich, (trotz des hohen Alkoholgehalts, der „verfliegt“ ziemlich schnell und stört den Genuss nicht) aber der Malt „funktioniert“. Stets schwingt dieses typische „Glen Albyn-Feeling“ mit, welches mit seiner mineralisch-fettigen Art verkündet, dass der charismatische Brand im Mittelpunkt steht, und nicht das für seine Lagerung verwendete Fass – sehr natürlich, sehr sympathisch.

Wahnsinn, wie unterschiedlich einzelne Glen Albyn sein können. Nur der ölige Peat, der mich immer wieder an St. Magdalene erinnert, schafft als wiederkehrendes Element einige Gemeinsamkeiten. Glen Albyns Malts sind das krasse Gegenteil moderner Profile und aus der Sicht der damaligen Blender stellte die Brennerei, neben den benachbarten Glen Mhor und Millburn, wohl eines der Ungeheuer von Loch Ness dar. Im Zuge der Schließungswelle Anfang der 1980er wurde Glen Albyn 1983 stillgelegt und 1988 abgerissen. Der Standort wurde überbaut, heute befindet sich dort ein Einkaufszentrum.

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Relicts of: Brora, Caperdonich, Imperial, Littlemill, Mosstowie, North Port, Port Ellen, Rosebank, St. Magdalene

Samples privat gekauft | Bilder: von MeinAirs (SV), eigenangefertigt (FtF), WorkinTool (Profilbild) bzw. mit freundlicher Genehmigung der Whiskybase